World Radiocommunication Conference 2015

Diesen Artikel gibt es als Podcast als OGG/Vorbis.

In Genf war dieses Jahr wieder eine Veranstaltung, die sich alle paar Jahre wiederholt und auf der (von den meisten Menschen unbemerkt) weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Die Rede ist von der vom 02. bis 27.11.2015 stattfindenden Weltfunkkonferenz (World Radiocommunication Conference oder auch World Radio Conference, kurz WRC). Die Veranstaltung geht auf die Internationale Funktelegrafiekonferenz zurück, welche 1906 in Berlin stattfand und an der damals 27 Staaten teilnahmen.
Zum Vergleich: bei der diesjährigen World Radio Conference (WRC-15) nahmen ca. 3300 Teilnehmer aus 162 Mitgliedsländern der ITU (International Telecommunication Union) teil.
Auf der Veranstaltung wird über die Frequenzverteilung auf internationaler Ebene entschieden, beispielsweise ob ein Satellitenfunkdienst 200 MHz mehr oder weniger zugeteilt bekommt oder ob ein gewisses Band von der analogen Rundfunkübertragung hin zu digitalem Fernsehen umgewidmet werden soll. Außerdem geht es beispielsweise um die Landeskenner, die im Funkverkehr verwendet werden (für Deutschland: DA-DR, außerdem noch Y2-Y9 die der DDR gehörten, diese sind zwar noch Deutschland zugeordnet, werden aber nicht mehr vergeben; für die Schweiz HB1-HB9 (HB0 gehört Lichtenstein); für Österreich OE). Die Ergebnisse werden dann in den Radio Regulations (RR) festgeschrieben, die amtliche deutsche Übersetzung nennt sich VO Funk (Vollzugsordnung für den Funkdienst).

Warum ich darüber schreibe? Auch wir von Notfunk Deutschland waren vor Ort. Es ging bei der diesjährigen WRC unter anderem um ein neues Amateurfunkband im 60-Meter-Band (~ 5 MHz). Dieses Band hat die große Besonderheit, dass man sowohl tags als auch nachts NVIS-Verbindungen herstellen kann. Diese sind aufgrund der geringen Reichweite und der Ausbreitung der Raumwelle auch im hügligen Gelände besonders für regionalen Notfunk geeignet. Klar kann man für regionale Notfunkverbindungen auch 2m und 70cm nutzen, in hügligem Areal stößt man hier jedoch schnell an die Grenzen und müsste anfangen, Relaisfunkstellen zu betreiben.
Vor diesem Hintergrund war angedacht, den Mitgliedern der Delegationen vorzuführen, was mit Amateurfunk-Technik in einem Katastrophenfall alles möglich ist. Von den angefragten Mitgliedsorganisationen der IARU (International Amateur Radio Union) kamen leider keine weiteren Zusagen – meiner Meinung nach wäre ein Stand gemeinsam mit den Notfunkern aus Italien sehr interessant gewesen, da diese Technik und sogar mit Sondersignalanlage ausgestattete Einsatzfahrzeuge haben, welche durch die Regierung beschafft oder bezuschusst wird. Schließlich wurde wie schon zur WRC-07 Notfunk Deutschland von Hans Zimmermann, HB9AQS (Emergency Coordinator der IARU) zur WRC eingeladen.

Nach letzten Vorbereitungen am 02./03.11.2015 ging es dann am 04.11.2015 mit zwei Fahrzeugen und zwei Anhängern (17m-Mastanhänger MA-2 und Mobile Funkeinheit MF-2) von Groß-Gerau nach Divonne-les-Bains in Frankreich, wo unsere Unterkunft lag. Wir waren zu dritt unterwegs (Rüdiger DO2FMD, Fred DD2ZM und ich DG1IUK) und kamen Nachmittags am Zielort an. Hier machten wir uns noch kurz zu einem Supermarkt auf, um einige Verpflegung zu kaufen. Danach ging es ab zum Hotel, dort wurden wir von von Hans (je nach Standort entweder HB9AQS oder F5VKP) begrüßt, welcher im gleichen Hotel wie wir wohnte. Nach der Entgegennahme der Hotelschlüssel und einem schnellen Beziehen der Zimmer ging es dann nach Divonne hinein, wo wir in einem Restaurant zu Abend aßen. Den Tag über war ich mit drei verschiedenen Rufzeichen unterwegs: DG1IUK bis zur Grenze bei Basel, ab da als HB9/DG1IUK und ab der Grenze Schweiz-Frankreich dann als F/DG1IUK.
NFD auf der Anfahrt
Der nächste Tag (Donnerstag) fing um 08:30 Uhr mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet an. Danach ging es dann ab in Richtung Genf – direkt in Divonne gab es einen Grenzübergang, nach diesem musste ich mein Rufzeichen wieder in HB9/DG1IUK wechseln. Am Gelände der ITU angekommen, mussten die Anhänger abgekuppelt und per Hand einen längeren, engen Weg entlangnavigiert werden, bevor wir am Abstellort angekommen waren – auf einem Platz neben dem „Red Gate“. Danach wurde erst der Mastanhänger aufgebaut, dann die Mobile Funkstation. Da wir noch keinen Strom vor Ort hatten, wurde vorübergehend der Stromerzeuger angeschmissen und die Technik schonmal in Betrieb genommen. Aufgrund des zu diesem Zeitpunkt fehlenden Internetzugangs wurde das Digitalfunkrelais (DMR) zwar in Betrieb genommen, allerdings erst einmal nur im Lokalbetrieb. An Technik wurden jetzt aufgebaut: DMR-Relais an einer 70cm-Antenne ganz oben auf dem Mastanhänger, Funkkoffer Kurzwelle (in der MF-2) an einer T2FD-Antenne (die blaue Antenne am Mastanhänger), 4x 2m/70cm Mobilfunkgeräte in der MF-2 (fest verbaut) – davon ein Gerät mit dem Rechner gekoppelt für APRS-Baken und schließlich noch ein DMR-Funkgerät in der MF-2. Nach einiger Zeit gab es dann auch eine Stromversorgung von der ITU und wir konnten den Stromerzeuger abschalten. Ab jetzt hieß es sich mit den Delegierten zu unterhalten, sie über den Notfunk aufzuklären und unser Material zu erklären. Oft musste man erklären, warum die Funkamateure noch ein Band bekommen sollen – teilweise war das Wissen nicht vorhanden, dass die Frequenzen in verschiedenen Bereichen sich verschieden ausbreiten. Eine interessante Unterhaltung hatte ich auch mit einem Delegationsmitglied eines afrikanischen Staates, er ist dort für die Rufzeichenvergabe zuständig – er sprach ein perfektes Deutsch was daran lag, dass er mit seiner Familie mehrere Jahre in Nürnberg gelebt hatte. Auch ein Gespräch mit einem Delegierten aus Quatar war interessant – er war selbst Funkamateur und zeigte ein großes Bild seiner Station – außerdem äußerte er, dass er für Antennenmasten und als Transportfahrzeuge Material der Bundeswehr bevorzugt, er da aber Probleme hat, weil das oft als Dual-Use-Gut eingestuft wird und er deswegen Monate auf eine Ausfuhrgenehmigung warten muss.
Nachmittags bekamen wir dann auch unsere Sicherheitsausweise, vorher hatten wir nur „Visitor“-Karten bekommen. Mit den Karten konnte man durch die Sicherheitsschleusen ins Gebäude. Nachdem wir unsere Karten hatten, ging es dann noch kurz zum Mittagessen in die ITU-Kantine – die Preise für das Essen waren ja mal mehr als gesalzen. Nachmittags ging es dann so wie vorher weiter.
Wenn ich mich nicht täusche, war es an diesem Abend, an dem wir bei der Inspektion der Funkanlage eines Fahrzeugs der Police municipale (Stadtpolizei) auf einen englischsprachigen Polizisten stießen. Auf unsere Erklärung, dass wir uns für Funktechnik interessieren hin, zeigte er uns sein Funkgerät (ein analoges 70cm-Funkgerät von Hytera) und sagte uns, dass sie diese erst vor wenigen Wochen bekommen haben. Interessant auch vor dem Hintergrund, dass Frankreich – wenn ich mich nicht täusche – das erste Land in Europa war, welches im Behördenbereich auf Digitalfunk setze (Tetrapol).

WRC-Banner am Conference Center
Stand von der Seite Antennenmast der MF-2

Dann folgte der Freitag, der 06.11.2015 – wieder ging es um 08:30 Uhr mit einem Frühstück los. Der Ablauf war der gleiche wie am Donnerstag – mit der Ausnahme, dass wir uns nicht um den Aufbau kümmern mussten. Nachdem die ITU uns immer noch keinen Zugang zum LAN zur Verfügung stellen konnte, baute ich eine Bridge unseres LANs vor Ort ins WLAN der ITU auf. Ab dann waren wir mit unserem DMR-Repeater auch im DMRplus-Netz. Abends wurde dann ein bisschen mehr abgebaut als an den anderen Abenden – am Wochenende war WRC-Pause und somit hatten auch wir ein freies Wochenende.

Samstag, 07.11.2015 – heute ging es später raus. Wir (Rüdiger, DO2FMD und ich) fuhren zu Eddi, HB9ABV. Dieser beliefert die UN mit Technik (hauptsächlich HF-Technik sowie autonome Energieversorgung für Einsätze) und hat riesige Lagerbestände, die er jetzt langsam räumt. Hier haben wir uns mit diversem Material eingedeckt. Die Anlage von Eddi war krass – er hatte eine 2m-Station mit einer Endstufe, die auf halber Leistung lief (500 Watt Output) und dann über extrem dickes Flexwell-Kabel an eine gestockte Antenne (18 dB = 63,504-fache Leistung) und eine 70cm-Station ohne Endstufe (50 oder 75 Watt Output) ebenfalls mit Flexwell-Kabel fast ohne Dämpfung mit einer gestockten Antenne mit 22 dB (158,76-fache Leistung).
Danach fuhren wir noch ein bisschen in die Schweizer Alpen und schauten, wo es schöne Funkstandorte für den nächsten Tag geben könnte.

Sonntag, 08.11.2015 – heute ging es wieder später raus. Wir fuhren diesmal wieder zu dritt los, wieder zu Eddi und deckten uns nochmal ein. Unter anderem mit analogen 2m-Funkgeräten von Hytera (3 Handfunkgeräte, für jeden von uns eins und ein Mobilfunkgerät für mich). Die Geräte waren Kundenrückläufer – laut Programmierung waren wohl zumindest die Handfunkgeräte für das IKRK programmiert, das Mobilfunkgerät war wohl für ein Bündelfunknetz (MPT-1327) eingerichtet. War mir jetzt auch neu, dass es überhaupt ein MPT-1327-Netz auf 2m in Europa gab. Da zwei der Handfunkgeräte defekt sind, werden diese zu Bauteilspendern.
Danach ging es dann nochmal hoch in die Alpen – hier Mittagessen und ein bisschen Funkbetrieb.

Die Woche ab dem Montag, dem 09.11.2015 verlief nach dem gleich Muster – Frühstücken um 08:30 Uhr, dann nach Genf bis ungefähr 16:00 Uhr und dann wieder zurück nach Divonne. Da setzte dann unser „Zimmerfunk“ (analoger Funkverkehr mit kleiner Leistung von Zimmer zu Zimmer) ein, bis wir uns irgendwann entschieden, Essen zu gehen. Interessant war hier eine Imbissbude mit einem dt. Kennzeichen (seit ca. einem Jahr abgelaufenes temporäres Kennzeichen aus Offenbach). Da wir „Notfunk Deutschland“ auf den Klamotten stehen hatten, wurden wir von der Betreiberin auf Deutsch angesprochen und erfuhren im Gespräch, dass ihr Vater Franzose und ihre Mutter Türkin ist und dass sie lange Zeit in Deutschland gewohnt hat – sie sprach ein sehr gutes Deutsch! Hier gab es ein super Hähnchen – und das Ding war extrem groß (obwohl es nur ein halbes und kein ganzes war ^^).
Eine Ausnahme von diesem Muster war der Mittwoch, der 12.11.2015 – nach der Konferenz fand ein Empfang der IARU für die Delegationsmitglieder statt, bei dem wir auch anwesend waren, bei diesem Empfang wurden uns durch Attila, OM1AM die Zugangskarten für die Clubstation der ITU ausgehändigt, Funkbetrieb durften wir allerdings erst nach einer Einweisung machen.
Am Donnerstag, den 13.11.2015 haben wir dann die Einweisung für die Station (normalerweise 4U1ITU, in der Zeit der WRC mit dem Sondercall 4U1WRC) bekommen und sind abends nach dem Abbau hoch, um etwas Funkbetrieb zu machen – blöderweise waren da alle Bänder oberhalb 7 MHz tot, unterhalb war kein QSO zustande zu bekommen. Nach ca. 2 oder 3 Stunden ging es dann ab, nochmal zu der oben genannten Imbissbude, diesmal bestellte ich was kleines zum mitnehmen – es wurde dann ein Hühnchensandwich.

Unser Stand bei Tag.

Unser Stand vor dem ITU-Hochhaus.

Stand nachts

Unser Stand bei Nacht mit dem ITU-Hochhaus im Hintergrund.

Stand nachts

Unser Stand nachts nochmal aus anderer Perspektive

Ich in der MF-2

Ich im Network-Operation-Center und an der Funktechnik in der MF2 ;-).

ITU-Clubstation

Beschreibung der ITU-Clubstation

Am Freitag den 13.11.2015 bauten wir dann ab, ein zweiter Versuch an der Clubstation musste leider aus Zeitmangel ausfallen, für den Samstag den 14.11.2015 war die Rückfahrt geplant. Abends am 13. ging dann auf einmal über den Zimmerfunk rum: „Beim Spiel Deutschland-Frankreich wurde gerade etwas von Explosionen vor dem Stadion gesagt!“. Daraufhin ging jeder alle ihm vorliegenden Informationsquellen durch und versuchte, Informationen zu finden und teilte sie mit den anderen. Nach und nach ergab sich das ganze Bild des Terroranschlags. Dann die Nachricht, die für uns problematisch werden konnte: „Frankreich macht laut Regierungsaussage die Grenzen dicht! Keiner kommt mehr rein oder raus!“. Rüdiger ist gleich mit dem Auto an den Grenzübergang gefahren – da war nichts los, außer dass viele Autos aus der Schweiz nach Frankreich gefahren sind.

Samstag, der 14.11.2015 – ein letztes Frühstück, letztes Zeug in den Zimmern zusammenräumen und runter ins Auto. Das Frühstück bezahlt. Und dann ab in Richtung Grenze, in der Hoffnung, dass wir durchkommen. Alles frei – am Grenzübergang in Divonne in die Schweiz hat niemand kontrolliert. Dann sind wir wieder zurück in Richtung Deutschland gefahren – auch am Grenzübergang Schweiz-Deutschland war nichts los gewesen. So kamen wir erfolgreich wieder in Groß-Gerau an, Mission erfolgreich – das 60m-Band 5351,50 – 5366,50 kHz wurde dem Amateurfunkdienst für die Nutzung auf sekundärer Basis zugeteilt! Für Notfunk Deutschland war es auch erfolgreich gewesen, da wir viele Kontakte geknüpft haben. Für mich selbst, da ich viele interessante Gespräche hatte und viel über den Background der Frequenzvergabe gelernt habe.

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