Gründe gegen entbündelte DSL-Anschlüsse und FTTH/FTTL ohne Fall-back

Diesen Artikel gibt es als Podcast als OGG/Vorbis (Achtung: 11,2 MB)

Heute will ich mal einen längeren Blogbeitrag schreiben, in dem ich dalege, warum ich gegen sog. entbündelte DSL-Anschlüsse (Erklärung siehe weiter unten) und FTTH-Anschlüsse (Fibre to the Home, also Glasfaser bis nach Hause) bzw. FTTL-Anschlüsse (Fibre to the Loop) bin.
Dieser Artikel stellt den ersten Teil einer geplanten Serie zu den Themen Zivilschutz, Katastrophenschutz und Schutz kritischer Infrastrukturen da. Da er etwas länger wird, gibt es hier auch ein Inhaltsverzeichnis.

  1. Geschichte des Telefonierens
  2. DSL – gebündelter Anschluss
  3. Was ist ein entbündelter Anschluss?
  4. Next Generation Networks
  5. Notruf – Verbindung nicht möglich
  6. Glasfaser
  7. Unsere Infrastruktur ist doch sicher!
  8. Forderung
  9. Helfer für diesen Beitrag

 

1. Geschichte des Telefonierens

Die für diesen Artikel relevante Telefongeschichte beginnt 1881 mit den manuellen Telefonzentralen in Telefonnetzen. Hier wurden die Verbindungen durch manuelles zusammenstecken der Anschlussleitungen direkt geschaltet. Dies geschah durch das „Fräulein vom Amt“. Frauen waren für diese Tätigkeit übrigens aufgrund ihrer höheren Stimmlage prädestiniert.
1892 wurde dann die erste selbstständige Vermittlungsstelle erfunden, ab 1908 wurde sie in Ortsnetzen und ab 1923 in Fernvermittlungsstellen eingesetzt. Das Telefonnetz bestand aus Leitungen die vom Telefon zur Vermittlungsstelle führen, die Kabel wurden auf dem Weg vom Endanschluss zur Vermittlungsstelle immer dicker, da sie immer mehr Adern vereinten. Sie waren für einen Frequenzbereich von 300 Hz bis 3,4 kHz ausgelegt, was ausreichte um menschliche Sprache zu übertragen. Die Telefone wurden über dieses Kabel außerdem von der Vermittlungsstelle mit Strom versorgt (60 Volt Gleichspannung), so dass die Telefone für die normale Funktion keine zusätzliche Stromversorgung benötigten. Da die Vermittlungsstellen mehrfach abgesichert waren (USV etc.) konnte so das Telefon auch bei einem großflächigen Stromausfall benutzt werden, um Hilfe zu rufen.

In den 1980er Jahren wurde dann begonnen, dieses analoge Netz (AFeN = „analoges Fernsprechnetz“ in der damaligen Behördensprache) durch ein digitales Netz zu ersetzen. Das ISDN (Integrated Services Digital Network = diensteintegrierendes digitales Netz) war geboren. Hier konnte nicht nur telefoniert und über Modem Daten getauscht werden sondern die Daten konnten mit einem ISDN-Adapter (fälschlicherweise auch oft ISDN-Modem genannt) direkt in das Telefonnetz eingespeist werden. Außerdem wurden hier andere Dienste, welche früher über eigene Netze liefen integriert, wie z. B. die Netze des damit aufgelösten früheren deutschen „Integrierten Text- und Datennetzes“, kurz IDN welches das Grundgerüst für Telex (Fernschreiber, mittlerweile werden keine direkten Neuanschlüsse mehr vergeben), Direktrufnetz (Standleitungen bis 9,6 kbit/s, mittlerweile abgeschafft), Datex-L (leitungsvermittelte digitale Wählverbindungen, mittlerweile abgeschafft) und Datex-P (paketvermittelte digitale Wählverbindungen, wird bis mindestens 2013 – vermutlich sogar 2018 – durch die Firma I.T.E.N.O.S. GmbH bereitgestellt) bildete. Langsam wurden alle Vermittlungsstellen in Deutschland digitalisiert. Heute gibt es in Deutschland keine analogen Vermittlungsstellen mehr. Die Digitalisierung wurde 1997 abgeschlossen. Die „analogen“ Anschlüsse kommen analog vom Teilnehmer und werden in der Vermittlungsstelle (oder schon in einem Verzweiger davor) digitalisiert. Auch im ISDN-Netz wurden die Telefone zentral versorgt. Hier liegt auf der Telefonleitung (welche nicht bis zur Vermittlungsstelle gehen muss sondern auch schon in einem Multiplexer enden kann) eine Spannung von 90 Volt (in Ausnahmefällen auch noch 60 Volt) an. Im Falle eines Stromausfalls sollten die Geräte in einen Notstrombetrieb fallen, hierbei werden sie durch die Vermittlungsstelle versorgt. Der Strom ist auf 400 mA begrenzt. Im Notbetrieb werden unwichtige Funktionen wie Telefonbuch, Display, Freisprechfunktion etc. deaktiviert.
Die Notspeisefunktion funktioniert allerdings nicht bei Schnurlostelefonen (z. B. DECT), da die Basisstation dieser Telefone einen zu hohen Stromverbrauch hat.

Als nächstes folgte dann DSL…

 

2. DSL – gebündelter Anschluss

Bei DSL gibt es mehrere Varianten. Die in Deutschland gebräuchlichsten sind ADSL, VDSL und SDSL:

  • ADSL (Asymmetric Digital Subscriber Line) ist das meinen Informationen nach in Deutschland am meisten benutze DSL-Verfahren. Das ADSL-Signal wird in der Vermittlungsstelle mittels Splitters neben dem Telefonsignal auf die Teilnehmeranschlussleitung aufmoduliert. Im Haushalt des Kunden werden die Signale durch einen weiteren Splitter getrennt. Fällt die DSL-Verbindung aus (z. B. Ausfall der DSL-Technik), so ist das Telefon noch normal benutzbar.
  • VDSL (Very High Speed Digital Subscriber Line) gewinnt immer mehr Kunden. Hiermit sind schnellere Verbindungen möglich. Es wird oft benutzt, um sog. Triple-Play-Dienste anbieten zu können. Darunter versteht man die Zusammenführung von normaler Telefonie (analog oder ISDN bzw. auch VoIP) mit einem Breitband-Internetzugang und IPTV. Auch hier gibt es Splitter auf Kunden- und Betreiberseite. Auch hier funktioniert das Telefon weiter, sollte der Internetzugang ausfallen (es sei denn, man hat VoIP, aber hierzu komme ich später).
  • SDSL (Symmetric Digital Subscriber Line) wird vor allem von Firmenkunden benutzt. Hierbei wird eine Uploadrate realisiert, welche gleich der Downloadrate ist. Der große Vorteil der Bandbreite ist gleichzeitig auch der Nachteil dieses Produkts: es bleibt keine Bandbreite mehr für normale Telefonie übrig. Daher gibt es keine Splitter, Telefonate müssen komplett via Voice-over-IP (VoIP) abgewickelt werden; sollte der Strom beim Kunden oder die DSL-Leitung ausfallen, so gibt es auch keine Möglichkeit mehr, zu telefonieren.

 

3. Was ist ein entbündelter Anschluss?

Ein entbündelter Anschluss, auch bekannt unter den Begriffen reines DSL, pures DSL, nacktes DSL, naked DSL, Standalone DSL, reiner Datenanschluss, entbündelter Breitbandzugang, (Standalone) Bitstromzugang ist ein reiner Datenanschluss, der keine Telekommunikation per POTS (Plain old Telephone Service = analoge Telefonie) oder ISDN zulässt. Sprache muss über das Datennetz abgewickelt werden (z. B. per Voice-over-IP), hierzu wird oft das Protokoll SIP in Verbindung mit SDP (Session Description Protocol für die Medienaushandlung) und RTP (Real-Time Transport Protocol für die Übertragung der Sprache an sich) verwendet. (andere Protokolle hierfür währen z. B. H.323, IAX, ISDN-over-IP, MGCP, MeGaCo, H.248, MiNET, Skinny Client Control Protocol und Jingle)

 

4. Next Generation Networks

Nun findet gerade der nächste Wechsel statt – die Unternehmen wollen den Bandbreitenhunger der Kunden stillen und nutzen ihn gleichzeitig, um die Doppelstruktur abzubauen. Die Haushalte sollen nicht mehr wie bisher getrennt mit Telefonie und Breitbandzugang ausgestattet werden sondern die Telefonie soll via Voice-over-IP (VoIP) auf der Internetleitung laufen, so dass so gut wie nichts an Bandbreite verbraucht wird, wenn gerade nicht telefoniert wird. Außerdem hat man dadurch mehr Gesamtbandbreite pro Leitung zum Kunden zur Verfügung und kann ihm einen schnelleren Internetzugang anbieten und schließlich sparen sich die Anbieter eine Menge Infrastruktur (viel aus der ISDN-Vermittlungstechnik kann weg).
Hört sich erst mal nach einem Gewinn für alle an, aber warum schreibe ich dann darüber, als wäre es etwas negatives? Nun, ganz einfach…

 

5. Notruf – Verbindung nicht möglich

Bisher war es ganz einfach – ich hatte mein Telefon daheim stehen und rief die 112, so kam ich in Aschaffenburg in der Einsatzzentrale der Feuerwehr raus. Schloss ich das Telefon in Frankfurt an, so landete ich beim wählen der 112 wo? Richtig, bei der Feuerwehr Frankfurt.
Was passiert jetzt wenn ich das ganze mit meinem VoIP-Telefon mache? Gehe ich testweise mal nach München und schließe mich an, dann wähle ich die 112; wer meldet sich? Feuerwehrnotruf Aschaffenburg – scheiße, hier in München brennts doch…
Das ist das erste Problem an VoIP – das Routing ist an die auf dem Telefon gespeicherte Nummer gebunden. Und es kann noch etwas ganz anderes passieren… angenommen mein VoIP-Provider sitzt in Nürnberg, dann kann es sein, dass mein Telefon zwar eine Aschaffenburger Nummer hat, ich aber zur Feuerwehr Nürnberg geroutet werde, wenn ich die 112 wähle (egal ob ich in Aschaffenburg, München oder Nürnberg sitze…).

Das zweite Problem – Stromausfall. Wer hat an seinem Telefon zu Hause eine Unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) dran? Wenn jetzt in Aschaffenburg der Strom ausfällt, so funktioniert weiterhin ein Notruf per analogem Telefon/ISDN (die Vermittlungsstellen sind über Tage notstromversorgt, erst per Akku und dann per Diesel-Generator; ebenso ist die Einsatzzentrale der Feuerwehr mit Notstromsystemen ausgestattet). Fällt aber der Strom aus und ich bin per VoIP angeschlossen, so kann ich zwar gern die Notrufnummer eintippen – aber schon das Telefon wird still bleiben. Das Telefon bekommt keinen Strom mehr – ebenso wie der DSL-Router, der Outdoor-DSLAM oder vielleicht sogar der Indoor-DSLAM in der nächsten Vermittlungsstelle, an den ich angeschlossen bin (DSLAM ist ein Zugangspunkt zum DSL).

Und wer jetzt sagt „kann mir doch egal sein, ich hab ja ein Handy“ – die Basisstationen der Mobiltelefone sind meistens mit einer Notstromversorgung zwischen 0 und 15 Minuten ausgestattet. Was macht man aber in einem längeren Fall z. B. einer Überschwemmung, die die Stromleitungen zerstört hat? Oder wenn so viel Schnee gefallen ist, dass die Überlandleitungen zusammengebrochen sind?

Historischer Brand- und Polizeimelder

Historischer Brand- und Polizeimelder (Quelle: Wikipedia User Enslin)

Ein weiteres Problem sind die öffentlichen Notrufmöglichkeiten – früher gab es öffentliche Notrufmelder, diese wurden zum Großteil spätestens Ende des 20. Jahrhunderts abgebaut. Sie sind nur noch vereinzelt vor allem im ländlichen Bereich vorzufinden.
Bleiben noch die Telefonzellen – früher standen die überall und § 78 Telekommunikationsgesetz („Universaldienstleistungen“) sagt in Abs. 2 Punkt 4 und 5:

  1. die flächendeckende Bereitstellung von öffentlichen Münz- oder Kartentelefonen an allgemeinen und jederzeit für jedermann zugänglichen Standorten entsprechend dem allgemeinen Bedarf; die öffentlichen Telefonstellen sind in betriebsbereitem Zustand zu halten, und
  2. die Möglichkeit, von allen öffentlichen Münz- oder Kartentelefonen unentgeltlich und ohne Verwendung eines Zahlungsmittels Notrufe durch einfache Handhabung mit der Nummer 112 und den nach Maßgabe der Rechtsverordnung nach § 108 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 festgelegten nationalen Notrufnummern durchzuführen.

die nächsten Telefonzellen von mir zu Hause aus sind zu Fuß in ca. 10-15 Minuten erreichbar, eine lange Zeit wenn es brennt. Bis vor kurzem gab es noch eine Telefonzelle, welche in ca. 5 Minuten erreichbar gewesen wäre – diese wurde aber abgebaut.

Notrufsäule

Notrufsäule (Quelle: Wikipedia-User KMJ)

Als letztes Notrufmittel fallen mir noch die Notrufsäulen ein, welche an Bundesstraßen und Autobahnen (vereinzelt auch Staatsstraßen und teilweise sogar in Städten) stehen. Auch diese schwinden aber. So teilte die Björn-Steiger-Stiftung (welche die Säulen zusammen mit der Jürgen-Pegler-Stiftung für die Bundes- und Landesstraßen betreibt) am 29. Juni 2011 mit, dass die Säulen bis Ende 2011 in allen Bundesländern (ausgenommen Baden-Würtemberg) abgebaut werden, da sie zu teuer wären und sich der Betrieb durch die zunehmende Handynutzung nicht mehr lohne.

 

 

 

6. Glasfaser

Das neueste was jetzt kommt – FTTH/FTTL (also Glasfaser bis in die Wohnung). Hier hat man jedoch ein großes Problem – über eine Glasfaser können zwar große Datenmengen gleichzeitig übertragen werden, aber kein Strom. Daraus folgt, dass man bei dieser Möglichkeit gezwungen ist, über VoIP zu kommunizieren – mit den gleichen Folgen wie im Punkt 5 genannt. Die Telekom hatte überlegt, hier in Aschaffenburg Glasfaser zu verlegen – ich hatte gleich nachgefragt, wie es dann mit der Telefonie aussieht und mir wurde bestätigt, dass dies dann nur noch per VoIP möglich ist, da die Kupferleitung abgeschaltet wird, sobald die Glasfaserleitung in Betrieb geht.

 

7. Unsere Infrastruktur ist doch sicher!

Viele werden jetzt geneigt sein, zu denken, dass so etwas wie ein Stromausfall – vor allem wenn er länger andauert – doch ziemlich unwahrscheinlich ist. Hier mal einige Beispiele der letzten Jahre, um die Vielfältigkeit der Ausfallmöglichkeiten aufzuzeigen (ich habe mich dabei auf Deutschland beschränkt, die Beschreibungen stammen aus Wikipedia):

  • 4. November 2006: Um 22:09 Uhr kam es zu einem größeren Stromausfall in Europa. Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich, Spanien waren teilweise bis zu 120 Minuten ohne Strom, und sogar in Marokko waren die Auswirkungen spürbar.
    Auslöser war die planmäßige zeitweilige Abschaltung einer von E.ON betriebenen 380-kV-Hochspannungsleitung bei Weener am Abend des 4. November 2006 für die Ausschiffung der Norwegian Pearl, eines auf der Meyer Werft in Papenburg gebauten Kreuzfahrtschiffes.
  • 25. November 2005: Nach heftigen Schneefällen ereignete sich im Norden Nordrhein-Westfalens sowie in Teilen Südwest-Niedersachsens einer der größten Stromausfälle in der Geschichte der Bundesrepublik. Besonders betroffen war das westliche Münsterland mit den Kreisen Borken, Coesfeld und Steinfurt. Von rund 250.000 betroffenen Menschen waren viele bis zu drei Tage lang völlig ohne Strom, einzelne Gehöfte und Ortschaftsteile über fünf Tage, bis sie mit Notstromaggregaten versorgt oder provisorisch wieder an das Stromnetz angeschlossen werden konnten. Erste Schätzungen der IHK Nord-Westfalen gingen von einem wirtschaftlichen Schaden von 100 Millionen Euro aus.
    Ursache für den Stromausfall waren eingeknickte Strommasten und gerissene oder sehr tiefhängende Hochspannungsleitungen. Der sehr nasse Schnee setzte sich auf den Leitungen außergewöhnlich fest und umhüllte sie mit einem Eispanzer, dessen Durchmesser ein Vielfaches des Durchmessers der Leitungen annahm. Hinzu kam kräftiger Wind, der diese durch die vergrößerte Windangriffsfläche in Schwingungen versetzte. Dem hohen Gewicht des Schnees und den auftretenden Schwingungen hielten viele Masten und Leitungen nicht stand und knickten ein oder rissen.
  • 30. Januar 2008: Von 17:36 bis teilweise 18:40 fiel im nahezu gesamten Stadtgebiet Karlsruhe der Strom aus. Eine Explosion in einem Trafo am Rheinhafen löste ein Abschalten zwei weiterer Trafos aus, wodurch knapp 300 000 Karlsruher für über eine Stunde ohne Strom waren.
  • 13. Juli 2011: Gegen 22:35 Uhr fiel die Stromversorgung in der gesamten Stadt Hannover und in einigen Gemeinden der Region aus, darunter die Städte Langenhagen und Laatzen. Etwa 650.000 Menschen waren von dem Stromausfall betroffen. Nach ca. 30 Minuten hatten einzelne Stadtteile wieder Strom, in anderen dauerte der Stromausfall bis zu 90 Minuten. Als Ursache gaben die Stadtwerke Hannover den Ausfall eines Blocks im Steinkohlekraftwerk Hannover-Stöcken sowie einen gleichzeitigen Defekt in einer Netzkupplung im Umspannwerk Mehrum an.

Außerdem kann die DSL-Technik durch äußere Einflüsse gestört werden. Hier sind z. B. Mittelwellensender zu nennen. Dies können z. B. defekte Netzteile am PC oder anderen elektrischen Geräten sein. Man merkt es nicht und wird zum Sender ohne Lizenz, der nicht nur den eigenen Anschluss sondern auch die ganze Nachbarschaft stört (bis dann die Techniker der Telekom oder die Bundesnetzagentur vor der Tür stehen 😉 ). Die Telefonie (ISDN/Analog) bringt dies nicht so schnell klein ;-).

 

8. Forderung

Aber was will ich jetzt mit diesem Artikel? Fordern, dass VoIP verboten wird? Nein, mitnichten. Ich setze ja selbst Voice over IP in größerem Stil ein (übrigens mit Notstromversorgung und mit einem „normalen“ Telefon als Fall-Back). Was ich erreichen will ist, dass

  1. Bei VoIP-Produkten auf die Probleme beim Notruf hingewiesen wird (siehe Punkt 5.).
  2. Außerdem der Verkauf von entbündelten DSL-Anschlüssen oder Glasfaseranschlüssen nur noch erfolgen darf, wenn sichergestellt ist, dass es in diesem Haushalt (oder auch öffentlich im Haus) eine Notrufmöglichkeit über Kupfer mit Fremdspeisung gibt. Alternativ könnte man auch anbieten, dass ein größerer VoIP-Kunde (z. B. Firma, Behörde) nachweist, dass die VoIP-Technik vor Ausfällen geschützt sind (Telefone mit Power-over-Ethernet-Speisung, Switches mit Notstromversorgung, Redundante Internetanbindung ohne Möglichkeit eines Single Point of Failture durch Stromausfall, QoS für Telefonie im Firmennetz). Dies dürfte sich aber nur sehr schwer kontrollieren lassen.
  3. Öffentliche Notrufmittel (Telefonzelle, Notrufsäule, evtl. öffentlicher Notrufmelder) wieder ausgebaut werden

Leider scheint dieses Thema im Bundestag (Zivilschutz) bzw. in den Landtagen (Katastrophenschutz) nicht wirklich diskutiert zu werden. Ich werde dies auch bei der AG Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Rettungsdienst der Piratenpartei einbringen, welche sich unter anderem mit solchen Themen beschäftigt.

 

Helfer bei diesem Eintrag

Der Dank für Anregungen, Korrekturen und fachliche Auskünfte gebührt:

  • Bernd Leonardy, Feuerwehr Aschaffenburg
  • ValiDOM aka Roland Jungnickel, THW München Fachgruppe Führung/Kommunikation, Arbeitsgemeinschaft „Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Rettungsdienst“ der Piratenpartei Deutschland

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12 Responses to “Gründe gegen entbündelte DSL-Anschlüsse und FTTH/FTTL ohne Fall-back”

  1. TomTom sagt:

    Was wäre wenn man (wz.B. in China) Funkmasten mit Solar und Brennstoffzellen ausstattet (zumindest GMS) die im Notfall auch 112 etc. priorisieren? Vllt. noch mit Sparfunktion nur die anzunehmen.

    Oder dezentrale Stromversorgung fördern, Wind / Solar auf jedes Dach, mit nem Speicher (Brennstoffzelle?) hätte man genügend Notstrom um die Geräte zu betreiben. DIe Wahrscheinlihckeit das ein Nachbar sowas hätte wäre vllt. auch höher dann.

    Muss natürlich Gesellschaftlich gewollt sein, vereinzelt wird das nix

  2. Robert sagt:

    Ich stimme zu, das Notrufmöglichkeiten im öffentlichen Bereich (wieder) stärker ausgebaut werden müssen. Auch der Hinweis auf die VoIP-Notrufprobleme ist sinnvoll.

    Für 90% aller Fälle finde ich die Notruffunktion jedes stinknormalen Handys besser – die funktioniert auch ohne SIM-Karte. Einen fremdgespeisten Notrufdraht für jeden Anschluss vorzuschreiben kommt mir so vor, als müsste heute noch jeder Autohersteller einen Handkurbelanschluss vorsehen, wenn der Anlasser streikt.

  3. Florian sagt:

    @TomTom: Ja, klingt nach einer guten Idee, die Masten per Solar, Brennstoffzelle etc. mit Notstrom zu versorgen. Nur bei Solarzellen: 1. Was macht man, wenn keine Sonne scheint? 2. Was macht man Nachts? Da muss man dann tagsüber soviel produzieren, dass es auch für die Nacht noch reicht. Anrufe an die 112 sind übrigens schon priorisiert. Wenn man die 112 anruft und die Zelle ist schon an der Kapazitätsgrenze wird mindestens ein anderes Gespräch gekappt (habe sogar mal gehört, es werden gleich mehrere gekappt weil dann ja die Chance größer wäre, dass noch mehr den Notruf verständigen).
    Zur dezentralen Stromversorgung… es gab letztens einen großen Artikel in der Datenschleuder (Mitgliederzeitschrift des CCC) in dem die Autoren (und andere Experten auf dem Gebiet) ein großes Problem darin sahen, ein dezentrales Netz synchron zu halten (sehe ich genau so). Die Netzfrequenz wird sehr schwer zu halten sein. Hintergrund: im Niederspannungsnetz (230/400 Volt, also das was daheim ankommt und wo die meisten Solaranlagen einspeisen) gibt es keine Netzfrequenzregelung. Im Mittelspannungsnetz (1-30 kV, hier speisen soweit ich weiß die meisten großen Windkraftanlagen ein) ist gerade mal eine Primärregelung vorgesehen. Erst im Hochspannungs- und Höchststpannungsnetz (also 60-380 kV) gibt es eine Sekundär- und Tertiärregelung, die man braucht um die Frequenz auch bei größeren Schwankungen aufrecht zu erhalten.
    Es gibt also die Gefahr, dass das Stromnetz ziemlich instabil wird… Und eine Brennstoffzelle als Speichertechnik? Dann lieber Akkus, da hab ich ne größere Energieeffizienz…

    @Robert: Das mit dem Notruf ohne SIM-Karte ist so nicht ganz richtig. Dies funktioniert nicht in jedem Land. In Deutschland beispielsweise wurde am 13. Februar 2009 eine neue Notrufverordnung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie vom Bundesrat gebilligt, welche am 18. März 2009 in Kraft trat. Sie besagt unter anderem, dass spätestens ab dem 01. Juli 2009 eine SIM-Karte eingelegt sein muss, um einen Notruf absetzen zu können (es ist jedoch beim einschalten des Handys weiterhin keine PIN nötig um einen Notruf abzusetzen).
    Und zu der Handkurbel: Naja, wenn das Auto nicht funktioniert hab ich als Fallback den ÖPNV (oder auch z. B. die Bahn, wenn es um längere Strecken geht). Und mir geht es ja gerade darum, ein Fallback zu haben… Außerdem was passiert wenn das Auto nicht funktioniert? Man kommt vielleicht zu spät zu nem Termin, das wars aber auch schon; lässt sich hingegen ein Notruf nicht absetzen, so hat dies viel weitreichendere Konsequenzen. Übrigens würden sich die heutigen Motoren afaik auch nicht mehr per Handkurbel starten lassen, wäre technisch nicht mehr möglich ;-).

  4. Florian sagt:

    Gerade gemerkt… ich hatte ja schonmal was zu dem Thema Mobilfunkausfall geschreiben. Im April 2009 gab es einen bundesweiten Ausfall des Sprach- und SMSnetzes von T-Mobile. Die Datendienste funktionierten wohl noch. Ich bloggte damals unter dem Titel Netzausfall bei T-Mobile.

  5. […] Florian's Blog Quis custodiet ipsos custodes? « Gründe gegen entbündelte DSL-Anschlüsse und FTTH/FTTL ohne Fall-back […]

  6. Volker sagt:

    Florian hat mit seinen Forderungen nach einem zuverlässigen Notrufsystem absolut recht. Aber bei seiner Argumentation bezügl. der Sicherheit des POTS im Katastropenfall bin ich nicht seiner Meinung. Das vermittlungsstellenbasierte gute alte Telefon und auch ISDN sind bei Überschwemmungen auch tot. Genauso wie VoIP. Das einzig sichere Notrufmittel und das ist ja leider durch eine strenge gesetzliche Reglementierung in seiner Verbreitung begrenzt, ist das gute alte Funkgerät. Ich habe das erst kürzlich bei der Ausbildung für das Short Range Certificate (Sprechfunkzeugnis für den UKW Seefunk für Sportbootführer) gelernt.

    • Florian sagt:

      @Volker: Erst mal danke, dass du meine Forderung unterstützt ;-). Gibt leider zu wenige Personen, die über dieses Thema nachdenken, weil Telefon ja etwas ist, das normalerweise immer da ist – so wie Strom etc halt auch…
      Klar kann bei einer Katastrophe das POTS/ISDN ausfallen, es muss aber nicht. Insgesamt würde ich das Ausfallrisiko immer noch als einiges niedriger einstufen als bei VoIP, da hier sichergestellt sein muss, dass du Strom daheim hast.
      Bezüglich Funk… auch hier bin ich aktiv ;-). Zur Zeit privat nur im CB-Bereich aber ich lerne soweit es meine Zeit zulässt auch für die Amateurfunkprüfung. Die Regulierung die es hierzu gibt finde ich zum Teil vorteilhaft – z. B. um zu verhindern, dass jeder sendet wo er gerade will. Allerdings müsste die Gebührenordnung dringend überarbeitet werden… die Amateurfunkprüfung und generell alles was damit zu tun hat (Rufzeichenzuteilung etc.) kostet in anderen Ländern nur Bruchteile von dem, was es in Deutschland kostet. Bösen Zungen zufolge ist das Absicht um den Amateurfunk unattraktiv zu machen und langsam die Afu-Frequenzen abzuziehen (sie würden ja dann immer weniger benutzt) und versteigern zu können… Außerdem könnte man im CB-Bereich auf dem Kanal 9 (der ja auf den meisten Funkgeräten als Schnellzugriff vorhanden ist, da er in den USA als Notrufkanal verwendet wird) oder evtl. auch auf allen Kanälen eine höhere Sendeleistung zulassen, um einen wirklichen Bürgerfunk zu schaffen und nicht nur einen Nahbereichsfunk ^^.

  7. […] Januar fing ich meine Reihe zum Katastrophen- und Zivilschutz an, konkret mit dem Artikel “Gründe gegen entbündelte DSL-Anschlüsse und FTTH/FTTL ohne Fall-back“. Hier legte ich da, warum die neuen Glasfaser-gestützten Anschlüsse, welche überall in […]

  8. […] ja bereits früher bekannt gegeben, bis 2016 komplett von ISDN auf VoIP umgestiegen sein zu wollen, was ich ja bereits an anderer Stelle schon kritisiert habe. Weiterhin werden wohl Anbieter sich das Privileg erkaufen können, auch nach dem Erreichen der […]

  9. Danke für den guten Artikel.
    Habe noch einen Tappfuler gefunden: Failture statt failure.

    Gruß Ralf

  10. Chefin sagt:

    Auch wenn der Eintrag schon etwas älter ist, ist er doch um so wichtiger nun, da so langsam der Tag näher kommt an dem zwangsweise VoIP eingeführt wird.

    Allerdings sehe ich hier nicht, wie man das Rad der Zeit wieder zurück drehen könnte. Schon heute wird Notruf bei ISDN und Analog zusammen mit einem Stromausfall nicht mehr möglich sein. 50% der Outdoor-DSLAM haben keinen Notstrom. Liegt auch ein bischen dran, das keines dieser Kästen mehr als einen Akku aufnehmen könnte(keinesfalls Notstromgeneratoren). Solche Akkus würden nicht lange durchhalten und sich doch erheblich im Preis niederschlagen. Und wer würde schon den etwas teureren Anschluss nehmen, wenn Notstrom das einzige Argument wäre. 95% der Bevölkerung würde dann sagen: was nutzt mir der Notstrom am DSL wenn meine Telefonanlange oder Router keine USV hat.

    Gesetzlich wird auf diesem Weg nichts mehr zu machen sein. Amateurfunk ist auch keine Alternative, der Aufwand ist zu groß, man muss eine Prüfung auf eigene Kosten machen(200Euro), Ausrüstung bereit halten, jährliche Gebühren abdrücken usw. Sicherheit ist also eine frage des Geldbeutels? Kann so auch nicht sein.

    Aber auf der enderen Seite muss das Problem auch irgendwie gelöst werden. Und da ist Funktechnisch doch schon einiges möglich. Da die freiwillige Feuerwehr ja auch Kommunal bezahlt wird(zumindest die Ausrüstung und Einsätze), käme auch hier eine kommunale Lösung in Frage. Da Handys erstmal über ihren Akku lauffähig bleiben, denke ich das eine Lösung nur via Handynetz möglich ist. Getan werden muss was, das ist in jedemfall nötig. Den schon heute ist ISDN praktisch nichtmehr Notruffähig, da selbst Firmen keine Telefone direkt ans ISDN klemmen, sondern eine Telefonzentrale dazwischen bauen. Erst recht Privatnutzer die dann Analogtelefone dran binden und keine USV haben.

    • Florian sagt:

      Naja, die meisten Privatnutzer die ich kenne haben Analog- und keine ISDN-Anschlüsse – und diese sind sehr wohl noch komplett notspeisefähig (Ausnahme: DECT-Telefone, für deren Basisstation wird nicht genug Power bereitgestellt).
      Und die Privatnutzer die einen ISDN-Anschluss haben, haben daran meist entweder mind. 1 ISDN-Telefon oder eine Anlage an der eine Notstromversorgung hängt… aber mag sein, dass ich hier lauter Ausnahmen kenne ;-).
      Und das Firmen meist Telefonzentralen dazwischen haben (was ja eher nicht bei Ein-Mann-Unternehmen zutrifft) empfinde ich jetzt als nicht so großes Problem wie bei Privatpersonen – im Fall der Fälle haben solche Firmen meist eine Brandmeldeanlage und die *muss* notstromversorgt sein. Und wenn jetzt ein medizinischer Notfall eintreten würde und ich kann wegen eines Stromausfalls keinen entsprechenden Notfall auslösen – dann löse ich halt die Brandmeldeanlage aus, dann bekomme ich auf jeden Fall Hilfe.

      Bezüglich Amateurfunkprüfung: welche 200 Euro? Die Prüfung hat bei mir 80 Euro gekostet. Klasse A kostet 110 Euro.

      Und Mobiltelefone bleiben über Akku lauffähig? Naja, wenn du nen richtiges Handy hast, dann schon – aber n Smartphone mit seiner Akkulaufzeit von 1-2 Tagen, teilweise weniger? 😉
      Und dabei musst du ja noch einkalkulieren, dass wohl nicht alle Basisstationen auf Notstrom umgerüstet werden würden sondern nur die, die nötig sind, um ein Grundnetz zu erhalten – daher müsste dein Gerät natürlich auch die Sendeleistung erhöhen und der Akku würde noch schneller leer gesaugt. Wie gesagt, aktuell ist die Notstromversorgung im Mobilfunknetz rar gesät und wo sie vorhanden ist, ist sie meist zu kurz.
      Übrigens noch ein anderes Problem – habe mich vor einiger Zeit über ein Hochhaus gewundert, das extrem viele Mobilfunkantennen enthielt. Habe mich dann später schlau gemacht und erfahren, dass es ein zentraler Knotenpunkt in einem Mobilfunknetz (den Anbieter nenne ich aus Sicherheitsgründen nicht) ist. Würde dieses Haus einstürzen, abbrennen oder ähnliches, so wäre das Mobilfunknetz in einem Großteil des Rhein-Main-Gebietes offline.

      Also die einzige Möglichkeit ist in meinen Augen ein sicheres ISDN-/Analognetz oder wieder mehr öffentliche Notruftelefone / Notrufsäulen.
      Als Alternativlösung, die aber nur für den reinen Notruf und nicht für andere Kommunikation geeignet ist, könnte man eine Lösung ähnlich des Notrufs im REGA-Funknetz der Schweiz anstreben. Hier kann jeder mit einem zugelassenen Funkgerät auf der Frequenz 161,300 MHz einen Notruf absetzen. Näheres dazu im Abschnitt „Notruf per REGA-Funknetz (Schweiz)“ im Wikipedia-Artikel Notruf.

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